2019 - Das Jubiläumsjahr

100 Jahre Hausarztpraxis in Sonnefeld

 

 

Liebe Patientinnen und Patienten, liebe Freunde und Kollegen. 

 

Am 1. April 2019 bestand unsere Praxis seit 100 Jahren.

Wir Doktorsfamilien durften, gemeinsam mit unseren engagierten Mitarbeiterinnen, mit großer Freude dieses einzigartige Fest feiern und die Begeisterung unserer Patienten und der Sonnefelder Bevölkerung spüren. Ihnen allen gilt unser herzliches Dankeschön. 

Nun wollen wir ein wenig in den Chroniken blättern, wie wir es auch beim Festabend in der wunderschönen Sonnefelder Domänenhalle getan haben, uns erinnern an den Beginn im Jahr 1919 und mit ein bisschen Stolz durch die zehn Jahrzehnte schlendern.

 

Im Juli 1914, mit 27 Jahren, verschlug es den jungen Arzt Dr. Alexander Böckel aus der munteren hessischen Universitätsstadt Marburg in das damals etwas verschlafene Steinachtal. Kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs hatte er sich freiwillig gemeldet und war in ein Heimatlazarett abkommandiert worden, das man im alten Hassenberger Schloss eingerichtet hatte.

Nachdem er sich in Hassenberg ein wenig eingelebt hatte, machte er sich auf die Suche nach einer behaglichen Gaststätte, in der man gemütlich sitzen, gut essen und gepflegt ein Bierchen trinken konnte. Das Gasthaus „Zum wilden Mann“ im benachbarten Mitwitz (im heutigen Rathaus) fand er dafür bestens geeignet. Schnell wurde er dort Stammgast, aber er fand bald außer an den kulinarischen Genüssen auch zunehmend Gefallen an Kuni Bub, der Tochter des Hauses. Amor spitzte seine Pfeile, die beiden kamen sich näher und feierten 1916 ihre Verlobung. Die Jahre danach waren jedoch durch mehrere schlimme Schicksalsschläge für Kuni alles andere als glücklich:

Bereits 1915 war ihr Bruder Christoph gefallen, 1917 verstarb ihre Mutter, kurz darauf, 1918, ihr Vater. Bruder Hans wollte das Gasthaus „Zum wilden Mann“ nicht weiterführen. Es wurde aufgelöst. Kuni machte sich Sorgen um die Zukunft, aber ihr Verlobter Alex gab ihr eine neue Perspektive. Er versprach, sie sobald wie möglich zu heiraten und hier im Raum eine Arztpraxis zu gründen. Gleich darauf machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Standort.

 

 Am 2. April 1919 schrieb er schließlich in einem Brief an seine Schwester Minna in Marburg: „Jetzt sitze ich glücklich in Sonnefeld und habe gestern den Laden aufgemacht.“

Dieser „Laden“ entsprach jedoch keineswegs den heutigen Vorstellungen von einer „Praxis“. Das junge Paar hatte in der heutigen Thüringer Straße 19, in der ersten Etage der „Zeidlersvilla“, eine Wohnung gefunden, in der auch die Sprechstunden stattfanden, Patienten behandelt wurden.

Sein tägliches Brot musste sich ein Hausarzt dieser Zeit vorwiegend durch Hausbesuche verdienen. Weil Alexander Böckel im ersten Jahr seiner Niederlassung noch „kein Fuhrwerk“ besaß, erledigte er sie alle zu Fuß! „Ich habe da am Tag durchschnittlich 30 km (!) gemacht und zu Hause auch noch zu tun gehabt. Da ist man doch froh, wenn der Abend da ist“, schrieb er nach Marburg. Aber am Ende des ersten Jahres in Sonnefeld erklärte er schließlich recht befriedigt: „Es ist alles gut gegangen und ich sitze nun schon fest!“

Dann aber meldete Familie Zeidler für die Wohnung Eigenbedarf an. Die Böckels mussten umziehen in eine kleine Dachwohnung in der heutigen Herrngasse 2 mit Zugang über eine steile Holztreppe an der Rückseite des Hauses. Als am 7. Mai 1921 die kleine Anneliese zur Welt kam, reichte der Platz für die junge Familie bei gleichzeitigem Praxisbetrieb nicht mehr aus. Alex liebäugelte mit dem alten „Doktorshaus“ am Schafberg, einem riesigen Gebäude, das zum Verkauf stand. Es sollte in den Inflationsjahren der damaligen Weimarer Republik 200.000 Mark kosten! Hätte er diesen Betrag aufbringen können, befände sich unsere Praxis im heutigen Sonnefelder Rathaus!

 

Im Jahr 1927 bauten sich die Böckels schließlich ihr eigenes Haus in der „Schmidtengass“, wie die heutige Jahnstraße damals genannt wurde. Und sie integrierten zwei kleine Räume mit eigenem Eingang, die Keimzelle der heutigen Praxis in der Jahnstraße 9a.

Bereits Ende der zwanziger Jahre quälten Alexander Böckel Herzbeschwerden. Häufige Luftnot und wiederkehrender Druck in der Brust ließen ihn erahnen, dass er damit wohl kein gesegnetes Alter erreichen würde. Der zweite Weltkrieg kam. Während der sorgenvollen Kriegsjahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand kontinuierlich. 1941 erlitt er einen Herzinfarkt, von dem er sich nie mehr wirklich erholte. Mehr schlecht als recht schleppte er sich durch die Belastungen der Praxis. Wie sollte es weitergehen? Würden mit dem Ende des Krieges auch die Lichter der Sonnefelder Hausarztpraxis verlöschen?

Doch es gab einen Hoffnungsschimmer: Anneliese hatte im November 1943 Willi Hager, ihren Freund aus der Coburger Schulzeit geheiratet. Der hatte trotz der Kriegswirren an der Militärakademie in Berlin Medizin studiert und schließlich noch ganz knapp vor Kriegsende in Hamburg sein Examen abgelegt und anschließend nach einem abenteuerlichen Alleinmarsch durch halb Deutschland von Norden nach Süden in Erlangen promoviert. Kurz vor Kriegsende geriet Willi noch in amerikanische Gefangenschaft, aus der er am 08. November 1945 entlassen wurde. Von Malaria und Diphtherie stark geschwächt im Rollstuhl sitzend traf er am Ebersdorfer Bahnhof ein. Er erholte sich erfreulich schnell und konnte bald seinen schwerkranken Schwiegervater in der Praxis tatkräftig entlasten. Der Krieg war überstanden, am 07. Mai 1945, an Annelieses 24. Geburtstag, hatte Generaloberst Jodl Deutschlands bedingungslose Kapitulation unterzeichnet.

 

Am 08. Februar 1947 verstarb Dr. Alexander Böckel. Die offizielle Übernahme der Praxis durch Dr. Willhelm Hager gestaltete sich schwierig. Maßgebliche Funktionäre in Coburg hintertrieben diesen Wunsch wegen angeblich fehlenden Weiterbildungszeiten. Aber Anneliese lies sich nicht entmutigen, nahm das Wagnis in Kauf, fuhr mit dem Zug nach München und klärte dort den Vorgang an oberster Stelle. Als sie mit positivem Bescheid und amtlich genehmigter Niederlassung in der Tasche zurückkehrte war der Fortbestand der Praxis gesichert.

 

Die Tätigkeit eines Landarztes war damals ein recht hartes Brot. Hausentbindungen, Unfälle und Notfälle aller Art erforderten ständige Präsenz. Organisierte Bereitschafts- und Rettungsdienste gab es nicht. Straßen waren nichts weiter als bessere Feldwege, Schlaglöcher reihten sich aneinander, Schneepflüge waren Luxus. Häufig zogen Landwirte mit ihren Traktoren Willi Hager aus Schneeverwehungen oder brachten ihn zum Auto zurück, weil er auf Skiern zuverlässiger den Einsatzort erreicht hatte.

In dieser allgemeinen Not der Nachkriegszeit hielten die Patienten, insbesondere die Bauern zu ihrem „Dockter“ und brachten ihn mit Naturalien, Milch, Eiern, Wurst, Speck oder selbst gebackenem Bauernbrot über die Runden. Flächendeckende Krankenversicherungen gab es noch nicht.

Mit der Währungsreform am 19. Juli 1948 wurde die neue D-Mark wertvolles Geld. Der Wiederaufbau setzte ein, Wohlstand mehrte sich so schnell. Bald sprach man vom deutschen Wirtschaftswunder.

Auch die Sonnefelder Doktorsfamilie mehrte sich: Sohn Klaus war 1944 geboren, 1948 kam Tochter Annegret zur Welt, 1952 Gerdi.

In der Praxis gab es sehr viel zu tun! Das kleine Wartezimmer und das Sprechzimmer im „Böckelshaus“ reichten für den Patientenandrang kaum mehr aus. 1955 entstand deshalb neben dem Wohnhaus ein gesondertes Praxisgebäude, das parallel zu den Anforderungen im Laufe der Jahre weiter wuchs: 1970, 1983 und zuletzt 2016.

Die stetige Zunahme der Arbeit brachte Willi häufig an seine Grenzen. Seine Frau Anneliese machte sich Sorgen. "Wie soll das einmal werden, wenn er alt wird?“

"Dann helfe ich ihm!“ lautete ein ganz spontaner Einfall des inzwischen sechzehnjährigen Klaus. Nach seinem Examen im Jahre 1970 entschied sich der junge Doktor Hager folgerichtig für die Allgemeinmedizin. Sein Statement 40 Jahren später: „Ich habe es nie, wirklich nie, bereut und hätte nichts anderes machen wollen!“

 

Nach der Anerkennung zum Facharzt eröffneten die beiden Drs. Hager eine Gemeinschaftspraxis. Auf zwei Partner verteilt ließ sich das große Arbeitspensum prima bewältigen. „Sieh zu, dass das auch für dich weiterhin so bleibt“, mahnte der Vater den Sohn. „Ich werde langsam alt und in absehbarer Zeit ausscheiden. Schau dich nach einem Partner um!“ 

Die Suche regelte sich auf wunderbare Weise ganz von selbst, als im Sommer 1973 Tochter (bzw. Schwester) Gerdi im Urlaub auf Mallorca ihren heutigen Ehemann Heinz kennen lernte. Er hatte damals gerade begonnen Informatik zu studieren.

Aber Schwiegermutter Anneliese liebte das Planen: „Schade, dass du nicht Medizin machst! Dann hätten wir schon den Praxispartner, den Klaus sucht“.

Heinz sattelte um. 1980 machte er sein Staatsexamen in Humanmedizin. Nach vier Jahren Weiterbildung in Erlangen, Forchheim und zuletzt in Coburg konnte er 1984 als Facharzt für Allgemeinmedizin seinen Schwiegervater in der Praxis ablösen. Stolz meinte er in seinem neu eingerichteten Sprechzimmer: „Das ist jetzt mein Arbeitsplatz für die nächsten dreißig Jahre!“ Wenn wir nun unser Hundertjähriges feiern, sind auch diese dreißig Jahre schon seit vier Jahren vorbei.

 

Die Allgemeinmedizin hatte sich längst vom Ruf der „Barfußmedizin“ gelöst und war ein anerkanntes, qualifiziertes Fachgebiet mit breitem Leistungsspektrum. So konnten die beiden jungen Ärzte als dritte Generation die Praxis erheblich weiter ausbauen.

1983 wurde der Eingang des Praxisbereichs nach Osten verlegt, zwei neue Sprechzimmer, ein großzügiger Empfangsbereich, ein neues Labor und eine weitere Toilette verdoppelten fast den bisherigen Grundriss.

 

1992 begann für uns als eine der ersten Praxen im Landkreis das digitale Zeitalter. Die EDV hielt Einzug. Umfangreiche Laboruntersuchungen - früher nur Kliniken vorbehalten - wurden durch Anschluss an ein Großlabor mit Abholdienst möglich. Das in der Allgemeinarztpraxis selbstverständliche EKG wurde um ein hochmodernes Belastungs- und ein mobiles 24-Stunden-EKG ergänzt. Ab 2002 erweiterte die Sonografie, die Ultraschalldiagnostik der Bauchorgane und der Schilddrüse, das Untersuchungsspektrum enorm.

 

Die jüngste bauliche Praxiserweiterung erfolgte 2016. Ein neuer Multifunktionsraum, eine Personaltoilette und die Wäscherei im Keller wurden notwendig, ebenso wie ein Sozialraum mit Küchensegment.

 

Heute können wir auch in enger Zusammenarbeit mit weiteren hochtechnisierten Praxen, die meisten diagnostischen Untersuchungen ambulant anbieten. Wir haben dazu ein exzellentes Team von Arzthelferinnen, Medizinischen Fachangestellten, um unsere Patienten durch dieses stark ausgeweitete Leistungsangebot zu begleiten. Von unseren sechs Mitarbeiterinnen sind vier bereits länger als 10 Jahre bei uns, zwei sogar schon mehr als dreißig.

 

Dr. Klaus Hager und Dr. Heinz Fuchs sind inzwischen die neuen Senioren. Die Söhne der beiden, Dr. Ulrich Hager und Dr. Peter Fuchs, führen die Praxis nun schon in der vierten Generation.

Wenn wir unseren Gedanken freien Lauf lassen, können wir uns gut vorstellen, welche Freude unser Opa Alex empfinden würde, könnte er sehen, was aus dem „Laden“, den er 1919 in der „Zeidlersvilla“ gründete, inzwischen geworden ist. Dazwischen liegen 100 Jahre Medizingeschichte, vier Generationen von Hausärzten, die die Menschen in und um Sonnefeld herum meist ihr Leben lang begleiten, betreuen, beraten und behandeln durften.

 

Wir alle bedanken uns für Ihr tiefes Vertrauen und die langjährige Treue. Für Sie, unsere Patienten, arbeiten wir. Wir leben den schönsten Beruf der Welt. Für die Zukunft wünschen wir uns ein harmonisches und konstruktives Miteinander von technischer Medizin und menschlicher Zuwendung. Der Hausarzt ist und wird wichtiger denn je als zentrale Schaltstelle im Gesundheitsbewusstsein der Menschen. Wir sind für Sie da. Versprochen.

 

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 Wir alle helfen

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